05.04.2017: RIP IN PEACE wordpress

es war so schön. aber wer interessiert sich heute noch für wordpress blogs. meine neue homepage:

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#15 – potenzial und wirklichkeit

Das kommende Sein ist weder individuell noch allgemein, sondern beliebig. Singulär, doch ohne Identität. 

– Giorgio Agamben, Die kommende Gemeinschaft

Was auch immer passiert, es schwingt die Möglichkeit dessen mit, das es auch hätte nicht passieren können. Wirklichkeit, das heißt: eine von vielen Möglichkeiten. Aber nicht notwendiger Weiße eine. Konventionelle Geschichtsschreibung, mit ihrer faktischen Aneinanderreihung »großer« Ereignisse der Geschichte, erzeugt das Bild einer notwendigen Entwicklung der Menschheit. Alexander Kluges Werke zum Beispiel kritisieren eine solche Geschichtsschreibung, in dem sie dokumentarische Fragmente mit Fiktivem durchmischen und untrennbar vereinen, denn: Zur Realität gehört auch Fiktion, die Imagination anderer Möglichkeiten. Ein dezidiert dokumentarisches Erzählen über die Vergangenheit (und vergangenes Leid) suggeriert, dass Nicht-Zeitzeugen das vergangene Geschehen begreifen könnten (selbst Zeitzeugen können es zumal nicht im Gesamten). »Es gibt keinen einzigen Menschen in Deutschland, der so fühlt, sieht oder denkt wie irgendeiner der Beteiligten 1942«, heißt es in Kluges Montageroman über Stalingrad »Schlachtbeschreibungen« (1983: 298).

Wirklichkeit und Möglichkeit sind also ineinander verankert; physikalisch ist die Vorstellung von Paralleluniversen schon längst ein wichtiges Konzept für theoretische Physik (unendlich viele Realitäten, die im Quantenschaum existieren und jede Möglichkeit parallel real werden lassen). Aber solch abstrakte Physik braucht es nicht, um anzuerkennen, dass die Wirklichkeit, die wir erleben, eine kontingente ist – also eine, die auch ganz anders hätte aussehen können. Der Konjunktiv ist eine wichtige Grammatik der Wirklichkeit.

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Eine ganz grundlegende Frage: Welche Macht bestimmt die Möglichkeiten, die real werden? „#15 – potenzial und wirklichkeit“ weiterlesen

#14 – identity spaces | emergenz des neuen

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keine akademische fachdisziplin ist gerade so im fadenkreuz rechter rhetoriken wie die gender studies; wutbürger fordern die abschaffung der geschlechterforschung und ignorieren damit die wissenschaftlichen leistungen der disziplin (und basisdemokratische werte, durch das verbieten von forschungsbereichen???). ANYWAY:

thematik gender wird mikropolitisch auch in verschiedenesten ecken des cyberspace ausgefochten. die virtuellen weiten sind geradezu eine wunderwelt, in der neue identitäten emergien (bzw. genauer: neue bezeichnungen, ein feineres raster für die zutiefst subjektive verortung des eigenen geschlechts, neu ist das verlassen der geschlechtsbinarität bei weitem nicht!). die blogging_plattform tumblr wird oft wegen einer dort aufzufindenden user_base verlacht, die sich vermehrt mit neuen identitäten und pronomen bezeichnen; die witzbolde, die sich nun also gegen solche user aussprechen, ignorieren, dass es mehrheitlich sehr junge menschen sind, die sich aus der jahrtausende langen restriktion der geschlechterbinarität mit neuen formen des ichs befreien wollen – und das auch mit obskur scheinenden pronomen! aber es ist leicht destruktiv zu sein; es ist so leicht, sich darüber lustig zu machen. es ist so leicht sich über „special snowflakes“ und „trigger“ and so on lustig zu machen. es gibt eigentlich nichts einfacheres auf der welt. es wäre nur noch einfacher, sich das gesicht an einer herdplatte anzukleben und das eigen gehirn langsam schmelzen zu lassen. wirklich. sehr einfach. manchmal frage ich mich wieso ich überhaupt lebe.

egal, hier ist ein zitat von den smiths:

It’s so easy to laugh
It’s so easy to hate
It takes strength to be gentle and kind
It’s over, over, over

„#14 – identity spaces | emergenz des neuen“ weiterlesen

#13 – immunitas

2013 war nicht nur das Jahr in dem in Frankreich die »Ehe für alle« beschlossen wurde, es war auch das Jahr in dem in Russland die Gesetze gegen »homosexuelle Propaganda« ins Leben gerufen wurden. In diesen Gesetzen ist die öffentliche, positive Darstellung von Homosexualität sanktioniert, das heißt nicht nur in den Medien ist das Darstellen homosexuellen Lebens verboten, auch das öffentliches Ausleben von Privatpersonen wird sanktioniert. Die Gesetze werden dadurch legitimiert, dass sie zum Schutz von Kindern existieren, damit diese nicht in Kontakt mit für ihre Gesundheit potenziell gefährlichen Lebensweisen kämen. Eine ähnliche Rhetorik findet sich aber auch in neueren Debatten in Deutschland, wo 2014 viele Demonstrationen gegen ein neues Sexualprogramm an Schulen protestierten, das Jugendliche über sexuelle Vielheit aufklärt. 2016 plant sogar der türkische Präsident Erdoğan gesonderte Gefängnisse für inhaftierte Lesben, Schwule und Transgender, zum „Schutz“[1] der anderen Insassen.

Diese Rhetorik, wie wir sie in Russland, Deutschland, der Türkei und anderen Teilen der Welt entdecken, ist neben kulturellen und nationalen Unterschieden von einem gewissen Unbehagen gekennzeichnet. Dieses Unbehagen bezieht sich auf bestimmte, öffentlich dargestellte Sexualität. Damit wird die Sexualität als ein Risiko angesehen. In ihr wird die Gefahr einer Ansteckung gesehen. Diese Ansteckung wird durch Sicherheitsmaßnahmen versucht zu minimieren. Davon ausgehend möchte ich hier verdeutlichen, wie das von Roberto Esposito konzipierte »Paradigma der Immunität« (Esposito 2008) auf die repressiven Bewegungen und Gesetzeslagen bezüglich Sexualität übertragen werden kann. „#13 – immunitas“ weiterlesen